„Lage verpflichtet“: Dieser Satz gilt für das Weingut Schieber gleich in zweifacher Hinsicht. Ganz wörtlich zunächst: In Szekszárd, in der Kadarka utca 100, muss eigentlich eine Kellerei stehen. Schon der Straßenname verweist auf die lange Weinbautradition des Ortes. Und genau hier steht die alte, denkmalgeschützte Kellerei von Schieber. Und im übertragenen Sinn: Ein beträchtlicher Teil der Rebflächen des Weinguts liegt im Baranya-völgy, dem Baranya-Tal, jenem Hotter, der zu den besten und zugleich schönsten Lagen des Szekszárder Weinbaugebiets zählt.
Zwei Orte, ein Anspruch. Wer hier Wein machen möchte, dem gibt die Lage die Richtung vor. Genau das haben Markus Schieber und seine Frau Anita von Anfang an verstanden.
Wo Geschichte auf Gegenwart trifft
2009 begann für das Ehepaar Schieber ein Traum, Wirklichkeit zu werden. In der historischen Weinbauregion Szekszárd erwarben sie den alten Keller in der Kadarka utca samt der dazugehörigen 23 Hektar Rebfläche im Baranya-völgy – den Grundstein für eines der heute eindrucksvollsten Weingüter der Region.
In den folgenden Jahren kamen weitere Parzellen hinzu. Heute umfasst das zusammenhängende Areal im Baranya-völgy 42 Hektar. Zusammen mit dem ebenfalls traditionsreichen Görögszó-dűlő mit weiteren 12 Hektar bewirtschaftet die Familie Schieber insgesamt 54 Hektar eigene Rebfläche. Ergänzt wird das Anwesen durch eine moderne Kellerei, die seit 2020 über rund 9.000 Hektoliter Gär- und Lagerkapazität verfügt.
Wer das Weingut besucht, wird zunächst von dem im 19. Jahrhundert errichteten Press- und Wohnhaus empfangen: dem unter örtlichem Denkmalschutz stehenden klassizistischen Gebäude, unter welchem sich ein dreigliedriges Kellersystem verbirgt. Hier ist Geschichte spürbar. Generationen von Winzern haben in diesen Gewölben ihre Ernten reifen lassen, lange bevor die Familie Schieber dem Ort neues Leben einhauchte.
Nur wenige Kilometer entfernt erzählt ein zweites Gebäude von der Gegenwart: die moderne Kellerei am Fuß der eigenen, 42 Hektar großen Rebfläche im Baranya-völgy. Diese Nähe ist kein Zufall, sondern Programm. Sie ermöglicht es, die Trauben schonend und in kürzester Zeit zu verarbeiten – ohne lange Wege zwischen Weinberg und Presse. Im lichtdurchfluteten Verkostungsraum mit Schauküche lässt sich anschließend gleich erleben, was aus dieser Verbindung von Lage, Handwerk und moderner Kellertechnik entsteht.
Terroir, alte Reben und Aufbruch
Das Baranya-völgy ist Teil der Szekszárder Hügel. Ein dichtes, tief eingeschnittenes Talsystem, lössbedeckte Hänge, markante Hügelrücken und vereinzelte Rutschhänge prägen die stark gegliederte Landschaft westlich der Stadt. Roter Ton und Löss bilden den Untergrund; auf den höheren Rücken finden sich zudem Kalk-Ton-Schichten über weiterem Löss. Ein geologisches Mosaik, das den Weinen Struktur, Tiefe und ihren eigenen Charakter verleiht.
Auf den 42 Hektar im Baranya-völgy wachsen vor allem Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Merlot und Kékfrankos. Der Großteil der Reben ist 15 bis 25 Jahre alt. Schon bald werden auch die jüngsten Anlagen ihren ersten bedeutenden Beitrag leisten: neu gepflanzte Kékfrankos-, Dornfelder- und Syrah-Reben.
Besonders spannend wird es beim Blick auf die ältesten Rebstöcke des Weinguts. Sie sind heute 57 Jahre alt. 1967 gepflanzt, liefern sie bis heute Trauben von besonderer Konzentration. Der daraus gekelterte Tabu Kékfrankos gewann 2019 als bislang einzige Kékfrankos-Abfüllung überhaupt die Auszeichnung „Bester Rotwein“ des Szekszárder Weinbauwettbewerbs. Ein bemerkenswerter Erfolg – und bis heute ein einzigartiger.
Doch wer glaubt, ein Weingut mit derart tiefen historischen Wurzeln blicke vor allem zurück, irrt. Seit 2018 stellt die Familie Schieber Teile ihrer Flächen konsequent auf ökologischen Anbau um. Im Mittelpunkt steht dabei der Tabu-hegy, ein 16,3 Hektar großes Neuland innerhalb des Baranya-völgy.
Auch hier geht Schieber eigene Wege. Statt der traditionellen, dem Hang folgenden Terrassenbewirtschaftung der Region verlaufen die Rebzeilen quer zum Hang und ziehen sich direkt bergauf und bergab. Tradition und Aufbruch stehen damit nicht im Widerspruch, sondern begegnen sich unmittelbar im Weinberg.
Wo Leidenschaft zum Beruf wird
Hinter all dem steht ein Team, das seine Arbeit als Berufung versteht. Markus Schieber, ausgebildeter Agraringenieur, und seine Frau Dr. Anita Schieber-Horváth, Juristin und heute auch Mitglied im Vorstand der Szekszárder Hegyközség (Szekszárder Weinbaugemeinschaft), führen das Weingut gemeinsam mit einem jungen, leidenschaftlichen Team aus 13 Mitarbeitenden – von der Weinbergpflege über die Kellerarbeit bis hin zur Gastronomie.
Und auch die nächste Generation wächst bereits mit dem Weinberg auf: Die Kinder Benjámin, Dávid und Laura erleben von klein auf, was es bedeutet, mit dem Land und dem Wein verbunden zu sein.
Dass diese Leidenschaft auch international überzeugt, zeigen die Auszeichnungen der vergangenen Jahre. Der Patina Cabernet Franc etwa gewann 2018 die Große Goldmedaille bei der Berliner Wine Trophy. 2024 sorgte der Bikavér 2021 für Aufsehen: mit einer Goldmedaille bei Decanter und der Aufnahme in die Top 20 der besten Preis-Leistungs-Weine weltweit.
Der Kreis schließt sich
Am Ende führt alles zurück zu dem Ort, an dem die Geschichte begann: zur Lage.
Ob in der Kadarka utca, wo die Geschichte des Weinguts ihren Anfang nahm, oder im Baranya-völgy, wo sie Tag für Tag neu geschrieben wird – die Familie Schieber hat verstanden, dass ein besonderer Ort nicht nur Möglichkeiten eröffnet, sondern auch Verantwortung mit sich bringt.
„Heute reicht es nicht mehr, einfach nur guten Wein zu machen“, sagt man bei Schieber. „Man braucht etwas Besonderes, das sonst niemand hat.“
Wer einmal durch die Reben des Baranya-völgy gewandert ist und anschließend im Verkostungsraum ein Glas Kékfrankos in der Hand hält, wird verstehen, warum.
Quelle: Text & Bildmaterial zur Verfügung gestellt von Schieber Pincészet
