Szekszárd, Ungarn: Wein aus den Tälern, in denen Eleganz wichtiger ist als Kraft
Mit 23 Hektar ist das Weingut der Familie Vida in Szekszárd in Südungarn auf der Landkarte längst gut sichtbar. Wenn wir das Weingut auf einen einzigen Wein zuspitzen sollten, dann wäre es der Bonsai, ein Kadarka von Reben, die vor über einem Jahrhundert gepflanzt wurden und die so knorrig und niedrig gewachsen sind, dass man sich für den Rebschnitt buchstäblich hinknien muss.
Aber der Reihe nach.
Ein Winzer, der Szekszárd neu gedacht hat
Péter Vida zählt zu den Winzern, die das historische Weinbaugebiet Szekszárd in den letzten dreißig Jahren neu definiert haben. 2011 wurde er in Ungarn zum „Winzer des Jahres“ gewählt. Seine Linie war dabei von Anfang an klar: Er setzt auf die lokalen Sorten, auf Kadarka, Kékfrankos (Blaufränkisch) und die Bikavér-Cuvées, und auf Weine, die ehrlich sind und die Sorte widerspiegeln, statt schwer und marmeladig zu sein.
Das Weingut ist ein Familienbetrieb, in dem inzwischen die nächste Generation mitarbeitet. Bewirtschaftet werden rund 23 Hektar, nachhaltig und im Einklang mit der Natur. 2023 durfte sich das Weingut außerdem über die Auszeichnung „Ungarns schönstes Weingut“ (Magyarország Legszebb Szőlőbirtoka) freuen. Wer die Luftaufnahmen der Weinberge im Hidaspetre-Tal oder am Virághegy (Blumenberg) gesehen hat, versteht sofort, warum.
Eine kleine Anekdote, die wir besonders mögen: Péter Vida erzählt, dass er einst den Kadarka der Familie heimlich bei einem regionalen Weinwettbewerb angemeldet hat, und zwar unter dem Namen seines Vaters Sándor. An einem Sonntagmorgen las der Vater dann in der Lokalzeitung, dass sein Kadarka den ersten Platz belegt hatte. Man kann sich das Gesicht gut vorstellen.

Die Philosophie: lokale Sorten, wenige Linien
Das Weingut ist überzeugt, dass lokale Sorten den Charakter der eigenen Täler und des Lössbodens am besten ausdrücken. Deshalb beschränkt sich das Sortiment bewusst auf wenige Linien, die genau das zeigen. Zur Neuausrichtung gehörte vor einigen Jahren auch ein komplett neues Erscheinungsbild, entworfen gemeinsam mit dem spanischen Grafikdesigner Xavier Bas. Die Etiketten sind seither kleine Illustrationen für sich, und jede erzählt ein bisschen davon, wofür der Wein steht.

Kadarka: eine Rebsorte, die fast verschwunden wäre
Um den Bonsai richtig einzuordnen, muss man kurz über Kadarka sprechen. Die Sorte gilt als eine der ältesten und traditionsreichsten Rebsorten Ungarns. Sie hat dünne Schalen, ist empfindlich und im Weinberg anspruchsvoll. Die Weine sind hell, duftig und fein, mit rotem Beerenobst und einer leichten Würze. Weinfreunde vergleichen sie gern mit Pinot Noir oder auch mit Trousseau und Poulsard aus dem Jura.
Historisch war Kadarka lange ein wichtiger Bestandteil der Bikavér-Cuvées von Szekszárd und Eger, wo sie dem Wein Würze gab. Dann kam die Zeit der Planwirtschaft: Anfang der 1970er-Jahre verlangten die Behörden, dass Winzer Kadarka durch ertragreichere Sorten ersetzten. Die Sorte stand dadurch nahezu vor dem Aus, und bis 1989 war ihr Anteil an den ungarischen Rebflächen auf etwa ein Prozent geschrumpft.
Umso bemerkenswerter ist es, dass es in Szekszárd Parzellen gibt, die diese Zeit überstanden haben. Eine davon gehört der Familie Vida.

Der Bonsai: Reben von 1920
Die Reben des Bonsai wurden 1920 gepflanzt. Es sind alte, buschartig erzogene Stöcke, niedrig, dick, verwachsen. Péter Vida sagt, man müsse sich oft buchstäblich vor den Stöcken hinknien, um sie zu schneiden.
Zu seinem Namen kam der Wein durch einen Besuch: Ein japanischer Geschäftspartner stand im Weinberg, sah die kleinen, knorrigen Stöcke und rief begeistert „Bonsai! Bonsai!“. Er meinte, man wisse gar nicht, wie reich man sei, wenn man so viele Bonsai-Bäume besitze. In Japan stehe der Bonsai für Weisheit, und oft gebe ein alter Mann seinen Bonsai an den Enkel weiter, wobei der Baum den Menschen selbst verkörpere. Die Familie erzählte diese Geschichte bei Verkostungen immer wieder, bis klar war, dass der Name alles sagt.
Das Etikett nimmt den Gedanken auf: Es zeigt eine Mischung aus Bonsai-Baum und alter Rebe. Die Botschaft dahinter: Die Weisheit der Pflanze ist größer als die des Menschen, auch wenn sie klein von Wuchs ist.
Wie der Wein entsteht
Die Trauben werden von Hand gelesen und per Hand verlesen. Beim Jahrgang 2023 wurde der Wein zwei Wochen auf der Maische in 1.200-Liter-Amphoren vergoren und anschließend sechs Monate in der Amphore ausgebaut, abgefüllt ohne Schönung und nur mit grober Filtration. Beim Jahrgang 2024 wurde die Hälfte in Amphoren und die Hälfte in gekühlten Edelstahltanks vergoren, der Ausbau erfolgte neun Monate in Amphoren. Das Ergebnis ist ein schlanker Wein mit rund 12,5 bis 13 Volumenprozent Alkohol und frischer Säure. Frühere Jahrgänge wie 2017 reiften noch länger im Stahltank.
Die Mengen sind überschaubar: Vom 2023er wurden etwa 4.800 Flaschen gefüllt, vom 2024er rund 3.500. Der nächste Jahrgang, der Bonsai 2025, soll laut Website im Dezember erscheinen.
Im Glas
Was erwartet einen im Glas? Helles, durchscheinendes Rubinrot, Aromen von roten Beeren, Erdbeere, Kirsche, Kräutern und etwas Würze, getragen von lebendiger Säure und feinem, zurückhaltendem Gerbstoff. Ein Weinblogger beschrieb Noten von getrockneten Blüten, roten Johannisbeeren und einen Hauch Fenchelsamen im Abgang, saftig und hell. Der Wein ist leicht, ohne dünn zu sein. Wir würden ihn etwas kühler servieren als die meisten Rotweine, bei 15 bis 17 Grad, und ihn zu Geflügel, Fisch oder Lamm trinken. Er passt aber auch einfach zu einem langen Sommerabend ohne großes Menü.
Die Anerkennung
Die Kritiker haben ihn längst entdeckt. Die Jahrgänge 2017 und 2019 erhielten beim britischen Magazin Decanter jeweils 95 Punkte. James Suckling bewertete den 2020er mit 94, den 2022er ebenfalls mit 94 und den 2023er mit 96 Punkten. 2016 wurde der Bonsai vom Dining Guide unter die zehn besten ungarischen Weine gewählt. Für einen Kadarka, also eine Sorte, die lange als Verlierer der ungarischen Weingeschichte galt, ist das bemerkenswert.
Der kleine Bruder: Petit Bonsai
Wer den Bonsai erst einmal kennenlernen möchte, findet im Petit Bonsai einen guten Einstieg. Er stammt aus einer Klonselektion der hundertjährigen Kadarka-Reben und ist fruchtiger, unkomplizierter und frischer, dabei aber nicht beliebig. Der Jahrgang 2023 brachte ihm 92 Suckling-Punkte ein.

Mehr als Kadarka: das Sortiment
Auch wenn der Bonsai das Gesicht des Weinguts ist, lohnt der Blick auf die ganze Palette:
- Tündérrózsa („Feenrose“): ein gehaltvoller, fruchtiger Rosé aus Kékfrankos, der monatelang auf der Feinhefe lag.
- Tündértánc („Feentanz“): saftiger Kékfrankos aus den kühleren Parzellen, mit Merlot verschnitten. So soll ein echter Szekszárder sein.
- Ölelés („Umarmung“): ein Merlot mit lebendiger Säure und langem Abgang.
- Bűvölet („Bezauberung“): eine Cuvée mit Cabernet Franc, fruchtig und würzig.
- Idyll: ein Szekszárdi Bikavér auf Kékfrankos-Basis, frisch und charmant. Der 2022er erhielt 90 Suckling-Punkte.
- Hidaspetre: der Einzellagen-Kékfrankos aus dem gleichnamigen, von Wald umgebenen Tal, in dem morgens Vogelgesang zu hören ist. Der Jahrgang 2021 kam auf 93 Punkte. Es gibt auch einen Kékfrankos-Rosé aus dieser Lage.
- Valles: ein vielschichtiger Premium-Bikavér, der von Decanter und Suckling mit 90 bzw. 91 Punkten bedacht wurde.
- Lösz: eine Cuvée, die den fruchtbaren Lössboden zum Thema macht, fruchtbetont und mit runden Tanninen. Der 2020er erhielt 93 Punkte.
- La Vida: der Flaggschiffwein des Hauses, der nur in besonderen Jahren entsteht. Der 2020er erhielt 93 Suckling-Punkte.
Wer unsere Seite kennt, weiß, dass uns Kékfrankos besonders am Herzen liegt. Mit Tündértánc, Idyll und dem Hidaspetre bietet Vida gleich drei sehr unterschiedliche Zugänge zu dieser Sorte, vom unkomplizierten Alltagswein bis zur Einzellage.
Besuch vor Ort
Wer in Szekszárd unterwegs ist, kann das Weingut direkt besuchen. Neben Verkostungen gibt es auch eine Dűlőtúra (Lagentour), also eine Geländewagen-Tour durch die Weinberge, bei der man die Täler und Lagen aus nächster Nähe erlebt. Das Weingut sitzt in der Napfény utca 27/A in Szekszárd. Alle Informationen zu Weinen, Terminen und Besuchen findet ihr auf der Website des Weinguts: vidaborbirtok.hu.
Ein Wein, den man sich merkt
Bei Vida kommt vieles zusammen: ein Winzer, der über Jahrzehnte konsequent auf die lokalen Sorten gesetzt hat, als das noch nicht Mode war, Reben, die ein Jahrhundert, einen Weltkrieg und eine Planwirtschaft überstanden haben, und am Ende ein Glas Wein, das gar nicht schwer wirkt: hell, duftig, frisch, mit einem kleinen Funkeln von Würze.
Der Bonsai Kadarka ist dafür das schönste Beispiel. Er zeigt, dass ein Wein nicht laut sein muss, um in Erinnerung zu bleiben.
Quelle: Bildmaterial freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Vida Borbirtok. Text redaktionell aufbereitet anhand der Website des Weinguts und des zur Verfügung gestellten Textmaterials.
Weitere Quellen:
- Vida Bonsai Old Vines Kadarka 2023 (Wines of Hungary)
- Vida Bonsai 100-year-old Vines Kadarka 2024 (Wines of Hungary)
- Malux to launch Vida at Hungarian tasting (Harpers)
- Kadarka, Cadarca, Gamza (Elizabeth Gabay MW)
- Peter Vida Bonsai Öregtőkés Kadarka (Delectable)
- Vida Péter Petit Bonsai Kadarka (Kifli)
- Bonsai Kadarka (Blas ar Fwyd)
