Kaum eine Stadt in Südungarn ist so eng mit ihrem Wein verwoben wie Szekszárd. Das kleine Weinbaugebiet am Rand der Sárköz-Ebene im Komitat Tolna, im Herzen Südungarns gelegen, blickt auf über 2.000 Jahre Weinbautradition zurück und seine Geschichte lässt sich fast wie eine Chronik des ungarischen Rotweins selbst lesen.
Römische Wurzeln
Die ersten Spuren des Weinbaus in der Region reichen bis in die Römerzeit zurück. Der Legende nach ließ Kaiser Marcus Aurelius Probus im 3. Jahrhundert n. Chr. in der Gegend systematisch Reben anpflanzen[1]. Archäologische Funde, darunter römische Rebmesser und ein frühchristlicher Marmorsarkophag aus dem 4. Jahrhundert mit eingemeißeltem Weinranken-Motiv, untermauern, dass hier schon in der Antike Wein eine wichtige Rolle spielte[1][2]. Einen Teil dieser Funde aus der Region bewahrt heute das Wosinsky Mór Megyei Múzeum in Szekszárd[4].
Klöster, Könige und die erste Urkunde
Den entscheidenden Impuls für einen organisierten Weinbau gab jedoch das Mittelalter. König Béla I. gründete 1061 die Benediktinerabtei von Szekszárd und stattete sie mit Weinbergen in den Lagen „Bika“, „Fövestelek“ und „Csin“ aus[2]. Erhalten ist diese Schenkung in einer Abschrift von 1267, dem ältesten schriftlichen Dokument zur Region überhaupt, das ausdrücklich Weinberge nennt[2]. Der Weinhandel wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einer der wichtigsten Einnahmequellen der Gegend, wobei bis ins 15. Jahrhundert zunächst Weine aus Syrmien, dem heutigen Grenzgebiet Serbien/Kroatien, den Markt dominierten[1].
Türkenzeit: Rückschlag und ein folgenreicher Import
Mit dem Fall von Nándorfehérvár (Belgrad) 1521 und der anschließenden osmanischen Expansion gerieten die etablierten Handelswege ins Stocken[1]. Ausgerechnet aus dieser Krisenzeit stammt aber einer der prägendsten Beiträge zur Weinkultur der Region: Serbische Siedler (Rácok), die vor den Osmanen nach Norden zogen, brachten die Rebsorte Kadarka sowie die Technik der Maischegärung („héjon erjesztés“) mit, also die Vergärung des Mostes auf der Schale, die kräftige, farbintensive Rotweine ermöglicht[1][3]. Die Kadarka selbst stammt ursprünglich vom Balkan und gelangte vermutlich im 16./17. Jahrhundert auf diesem Weg nach Ungarn[5]. Diese Kombination aus Rebsorte und Technik sollte den Charakter der Szekszárder Weine für Jahrhunderte prägen.
Deutsche Siedler und der Ruf der „besten Weine Ungarns“
Nach dem Rákóczi-Freiheitskampf kamen im 18. Jahrhundert deutsche Siedler in die Region und brachten zusätzliches önologisches Fachwissen mit, das Qualität und Anbautechnik weiter verbesserte[1][3]. Der Gelehrte Mátyás Bél attestierte den lokalen Weinen in dieser Zeit einen herausragenden Ruf und bezeichnete sie als die besten Ungarns[2]. 1779 wurde Szekszárd zudem Verwaltungssitz des Komitats Tolna und damit zu einem der wirtschaftlichen Zentren Südungarns, was der Bedeutung der Stadt, und ihres Weinbaus zusätzliches Gewicht verlieh[2].
Wie vielfältig die Rebsortenpalette inzwischen war, zeigt eine Aufzeichnung von 1828: Damals wurden in der Region 37 weiße und 29 „schwarze“ (rote) Rebsorten dokumentiert, darunter allein sechs verschiedene Kadarka-Varianten[3].

Der Bikavér betritt die Bühne
Der heute berühmteste Name des Weinbaugebiets, Bikavér, „Stierblut“, taucht erstmals literarisch 1846 auf, in János Garays Gedicht „Szegzárdi bordal“ (Szekszárder Weinlied)[2]. Der als Weintyp selbst vermutlich schon älter, verdankt der Bikavér seine heutige Bekanntheit auch dem in Szekszárd geborenen Dichter, neben ihm zählt auch Mihály Babits zu den literarischen Söhnen der Stadt[2].
Die Reblauskatastrophe und der Neuanfang
Wie praktisch alle europäischen Weinbaugebiete wurde auch Szekszárd von der Reblaus heimgesucht: Der Schädling erreichte die Region 1883 und richtete erhebliche Schäden an den alten, wurzelechten Rebbeständen an[1][3]. Durch organisierte Bekämpfung und die Umstellung auf amerikanische Unterlagsreben gelang jedoch der Wiederaufbau. 1929 gründete sich die Winzergenossenschaft der Region, die 1949 im Zuge der Verstaatlichung in staatliche Hand überging[1].

Vom Kollektivbetrieb zur internationalen Weinstadt
Nach der politischen Wende in Ungarn entstanden wieder private, familiengeführte Weingüter, die an die alte Qualitätstradition anknüpften. 1987 wurde Szekszárd von einer internationalen Jury offiziell zur „Stadt des Weins und der Rebe“ gekürt[3], eine späte, aber verdiente Anerkennung einer jahrhundertealten Kontinuität.
Heute ist die Kadarka zwar seltener geworden, doch sie gilt als das önologische Erbe der Region: Nachdem sie durch Reblaus und ertragssicherere Sorten über Jahrzehnte in Vergessenheit geriet, wurde sie Ende des 20. Jahrhunderts von jungen Winzern neu entdeckt und erlebt seither eine Renaissance, gerade als Schlüsselzutat des Bikavér[5]. Daneben prägen heute vor allem Kékfrankos sowie internationale Sorten wie Cabernet Sauvignon und Merlot die Rebfläche: Von den knapp 6.000 Hektar, die der Szekszárder Borvidék insgesamt umfasst[2], sind aktuell rund 2.600 Hektar tatsächlich mit Reben bestockt[3] – meist als Cuvée im Bikavér, dem nach wie vor önologischen Aushängeschild der Stadt. Für alle, die Südungarn abseits der ausgetretenen Pfade entdecken möchten, ist Szekszárd damit bis heute ein lohnendes Ziel, geschichtlich wie önologisch.
Quellen
[1] Wikipédia: Szekszárdi borvidék
[2] Honismeret (2024/1): A szekszárdi borvidék története valamint dűlőneveinek eredete
[3] Szekszárd.hu: Szekszárdi Borvidék
[4] Wosinsky Mór Megyei Múzeum, Szekszárd: MuseuMap-Eintrag
[5] Borbázis: Kadarka: története és reneszánsza
