Siller: Ungarns fünfte Weinfarbe und der Stolz von Szekszárd

szekszardi fuxli siller (1)

Wer schon einmal durch die Weinberge rund um Szekszárd im Süden Ungarns gefahren ist, hat sie wahrscheinlich gesehen: Flaschen mit einem hellroten, fast schon durchscheinenden Wein, der weder wie ein Rosé noch wie ein klassischer Rotwein aussieht. Das ist Siller – ein Weinstil, der in Ungarn liebevoll als „fünfte Weinfarbe“ bezeichnet wird, irgendwo zwischen Rosé und Rotwein angesiedelt, aber mit einem ganz eigenen Charakter.[1] Und nirgendwo wird diese Tradition so selbstbewusst gepflegt wie in Szekszárd, wo sie unter dem Namen Fuxli inzwischen fast schon zum inoffiziellen Wahrzeichen der Region geworden ist.

Was ist Siller eigentlich?

Der Name Siller kommt vermutlich vom deutschen Wort „schillern“ und beschreibt damit ziemlich treffend, was im Glas passiert: ein Wein, der zwischen zwei Farben schillert. Anders als Rosé, bei dem der Most nur kurz mit den Schalen in Kontakt bleibt, lässt man beim Siller die dunklen Traubenschalen zwei bis drei Tage lang mitgären. Das ist deutlich länger als bei Rosé, aber kürzer als bei echtem Rotwein. Danach werden die Schalen entfernt, und übrig bleibt ein Wein von blassroter bis hellroter Farbe, der geschmacklich intensiver und kräftiger ist als ein Rosé, dabei aber die Frische und Leichtigkeit behält, die man an heißen Sommertagen zu schätzen weiß.

Historisch reicht die Siller-Tradition bis in die Zeit vor der Reblauskatastrophe im 19. Jahrhundert zurück. Damals wuchsen weiße und schwarze Rebsorten oft gemeinsam im selben Weinberg und wurden bei der Ernte einfach zusammen gepresst – je nach Mischungsverhältnis entstand so mal ein rosafarbener, mal ein hellroter Wein. Diese alten „Gemischten Sätze“ waren in weiten Teilen Mitteleuropas verbreitet, auch im deutschsprachigen Raum kennt man ähnliche Weinstile.[2] Heute ist die Definition strenger gefasst: Ein moderner Siller darf ausschließlich aus dunklen, roten Trauben hergestellt werden – die helle Farbe entsteht also nicht mehr durch die Mischung mit Weißwein, sondern allein durch die kurze Maischestandzeit. Typische Rebsorten sind die alte ungarische Sorte Kadarka, deren helle Schale sich hervorragend für diesen Stil eignet, sowie Kékfrankos.[3]

Görögszó – Landschaft mit Weinreben im Frühjahr, Szekszárd. Tags: Kadarka, Kékfrankos, Bikavér, Szekszárd Weinberge, Görögszó
Blick über die szekszárder Weinberge „Görögszó“

Der Fuxli: Szekszárds eigene Antwort auf den Siller

Seit 2011 haben sich zahlreiche Weingüter der Region zu einer gemeinsamen Initiative zusammengeschlossen und ihren eigenen Siller unter der Marke Fuxli auf den Markt gebracht.[4] Der Name ist ein Wortspiel mit Augenzwinkern: Er spielt sowohl auf das rötliche Fell des Fuchses an, das der Farbe des Weins nicht unähnlich ist, als auch auf die schwäbischen Wurzeln vieler Winzerfamilien der Region – Szekszárd wurde im 18. Jahrhundert stark von donauschwäbischen Siedlern geprägt, und „Fuxli“ klingt entsprechend nach schwäbischem Dialekt für „Füchslein“.

Damit ein Wein sich Fuxli nennen darf, muss er klare Kriterien erfüllen: Er wird überwiegend aus Kékfrankos und Kadarka gekeltert, darf höchstens 13 Prozent Alkohol haben und muss durch spürbare Säure und ausgeprägte Fruchtigkeit überzeugen. Vor der Freigabe durchläuft jeder Jahrgang eine gemeinsame Blindverkostung der beteiligten Winzer – nur wer besteht, darf sein Etikett mit dem Fuxli-Schriftzug versehen.[5] Im Glas zeigt sich der Fuxli mit Aromen von süßer Himbeere, reifer Sauerkirsche und frischer Brombeere, dazu eine leicht würzige, grüne Note und eine belebende Säure, die den Wein herrlich süffig macht. Serviert wird er gut gekühlt bei 10 bis 12 Grad.[6]

Warum der Siller in Szekszárd so beliebt ist

Mehrere Gründe erklären, warum der Fuxli mittlerweile fast zum Sommergetränk Nummer eins der Region avanciert ist. Zum einen ist er ein echter Allrounder: Er ist leicht genug für die heißen ungarischen Sommer, hat aber genug Charakter, um auch zu deftigem Essen zu passen – etwa zu gegrilltem Fleisch, dem berühmten Szekszárder Eintopf oder ungarischer Fischsuppe. Zum anderen knüpft er bewusst an eine jahrhundertealte lokale Tradition an und verleiht ihr gleichzeitig ein modernes, unkompliziertes Image, das besonders junge Weintrinker anspricht.

Nicht zuletzt ist der Fuxli auch ein cleveres Stück Regionalmarketing: Weil ihn nicht ein einzelnes Weingut, sondern ein ganzer Zusammenschluss von Produzenten unter einer gemeinsamen Marke herausbringt, ist er zu einem Symbol der Szekszárder Weinidentität geworden – ähnlich wie der Bikavér, nur leichter, verspielter und noch stärker mit dem geselligen Trinken auf der Terrasse verbunden. Wer also das nächste Mal durch Szekszárd reist, sollte sich ein Glas Fuxli nicht entgehen lassen – gut gekühlt, am besten in geselliger Runde, und mit einem Blick auf die Weinberge, aus denen dieser ungewöhnliche fünfte Weinstil stammt.

Weiterführende Links auf kekfrankos.de

Kékfrankos, Blaufränkisch, Lemberger: eine Rebsorte, drei Namen

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