Ein Szekszárder Unikum: Die Kadarka

Nahaufnahme Rotwein im Glas Kadarka

Kadarka ist ein Wein, der sich nicht auf den ersten Schluck erschließt – wer sich aber auf ihn einlässt, entdeckt eine Rebsorte mit einer der bewegtesten Geschichten des ungarischen Weinbaus.

Eine Rebsorte auf der Flucht

Ihren Weg nach Szekszárd verdankt die Kadarka einer regelrechten Fluchtgeschichte: Serbische Siedler, die vor den vorrückenden Ottomanen nordwärts zogen, ließen sich in der Gegend um Szekszárd nieder und brachten die würzige Rebsorte aus ihrer Balkanheimat mit. Über die Donau fand der junge Wein von hier aus seinen Weg in weite Teile Europas – ein früher Beleg dafür, wie eng Migration, Handel und Weinbau in dieser Region miteinander verwoben waren.

Vom Königsthron in die Bedeutungslosigkeit

Im 18. und 19. Jahrhundert erlebte die Sorte ihre große Blütezeit. Sie galt vielerorts als die ungarische Rotweinsorte schlechthin und war vor der verheerenden Reblauskatastrophe Ende des 19. Jahrhunderts die mit Abstand dominierende Rebe im Land – Schätzungen zufolge machte sie zeitweise rund siebzig Prozent der ungarischen Weinbergsflächen aus. Sie bildete das Rückgrat großer Verschnitte wie des Szekszárdi Bikavér und, in seiner klassischen Form, auch des berühmten Egri Bikavér: Ihre lebendige Säure und Würze verliehen diesen Cuvées Frische und Charakter, während kräftigere Partner wie Kékfrankos oder Cabernet Sauvignon für Fülle und Struktur sorgten.

Nach der Reblausplage änderte sich das Bild jedoch grundlegend. Weil Kadarka im Weinberg launisch und ertragsunsicher ist, griffen viele Winzer beim Wiederaufbau ihrer Weinberge lieber zu robusteren, verlässlicheren Sorten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts, verstärkt durch die Zeit der genossenschaftlichen Massenproduktion, rutschte Kadarka zunehmend in die Rolle eines einfachen, unambitionierten Tafelweins ab – ein Ruf, den sie über Jahrzehnte kaum abschütteln konnte, obwohl er ihrem eigentlichen Potenzial nie gerecht wurde.

Szálka – Hügel mit verlassenen Weinbergen in der Nähe von Szálka. Tags: Zeitzeuge, verlassene Weinberge, Kadarka, Kékfrankos, Bikavér, Szekszárd, Hügel in der Nähe von Szálka
Zeitzeuge: verwilderte Weinberge in einer einst von serbischer und anschließend deutscher Bevölkerung geprägten Landschaft in der Nähe von Szálka

Die Renaissance eines Unikums

Die Wende kam erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts, als eine neue Generation junger, experimentierfreudiger Winzer die Rebsorte für sich neu entdeckte. Statt auf hohe Erträge zu setzen, begannen sie, Kadarka wieder mit der Sorgfalt zu behandeln, die sie verlangt: strenge Ertragsreduzierung, Handlese, sorgfältige Parzellenauswahl auf den lössreichen Hanglagen rund um Szekszárd. Das Ergebnis dieser Hingabe sind heute Weine von beachtlicher Qualität und Vielschichtigkeit, die weit über das hinausgehen, was der Sorte lange zugetraut wurde.

Einige Weingüter in Szekszárd haben zu dieser Wiederbelebung der Kadarka einen entscheidenden Beitrag geleistet und gelten heute als Vorreiter für ernstzunehmende, terroirbetonte Weine dieser Rebsorte. Manche keltern reintönige, elegante Parzellenweine, andere setzen die Sorte gezielt in modernen Bikavér-Cuvées ein, um dem Verschnitt genau jene würzige Frische zurückzugeben, die ihn historisch ausgezeichnet hat. Diese Vielfalt an Stilen – von schlank und trinkig bis konzentriert und lagerfähig – hat maßgeblich dazu beigetragen, dass Kadarka inzwischen fast zu einer nationalen Angelegenheit geworden ist, der sich ungarische Weinliebhaber mit besonderer Leidenschaft zuwenden.

Geschmack, Stil und Trinkfenster

Charakteristisch für die Kadarka ist eine feine, oft an Piment oder Gewürznelke erinnernde Würze, die ihr einen ganz eigenen, unverwechselbaren Ton gibt. Je nach Bodentyp fällt der Stil sehr unterschiedlich aus: Auf lockeren, sandigen Böden entstehen eher leichte, erfrischende Weine, während die lössigen, gebundenen Böden rund um Szekszárd dichtere, gehaltvollere Ausprägungen hervorbringen. Am schönsten zeigt sich Kadarka bei Trinktemperaturen von etwa vierzehn bis sechzehn Grad; viele Weine erreichen ihren Höhepunkt schon zwei bis vier Jahre nach der Ernte, während ausgesuchte Lagenweine durchaus sechs bis acht Jahre Reifepotenzial mitbringen. Zur ungarischen Küche passt sie überraschend vielseitig: zu gefülltem Kohl, Gulasch oder paprikabetonten Schmorgerichten ebenso wie, in ihrer leichteren Spielart, zu Geflügel oder milden Käsesorten.

Kadarka erleben

Dass Kadarka heute wieder mit Stolz getragen wird, zeigt sich auch im Weintourismus rund um Szekszárd. Veranstaltungen wie die Iván-völgyi Kadarka Túra oder die Szekszárdi Szüreti Napok widmen der Sorte eigene Verkostungen und Feste, bei denen Besucher die Bandbreite der Stile direkt bei den Winzern erleben können. Diese Wiederentdeckung erzählt mehr als eine weinbauliche Randnotiz – sie erzählt die Geschichte einer Rebsorte, die einst als Rückgrat des ungarischen Rotweins galt, in schwierigeren Zeiten fast in Vergessenheit geriet und heute, dank der Beharrlichkeit einzelner Winzerfamilien, wieder als eigenständige Stimme im Konzert der ungarischen Weine hörbar ist. Genau das macht sie zu Szekszárds wahrem Unikum: ein Wein, der Geduld verlangt, aber jedem, der sie aufbringt, ein Stück ungarischer Weingeschichte in einem einzigen Glas schenkt.

Weiterführende Links auf kekfrankos.de

Alle drei großen Rotweine Szekszárds im Überblick

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